500 Jahre Innovation: Warum Gutenberg heute aktueller ist denn je
Vor 125 Jahren öffnete das Gutenberg-Museum in Mainz erstmals seine Pforten, um das Erbe des „Mannes des Jahrtausends“ zu bewahren. Doch Johannes Gutenberg ist weit mehr als eine historische Figur in Geschichtsbüchern – er ist der Urvater unserer modernen Informationsgesellschaft. Anlässlich dieses besonderen Jubiläums rückt die Gutenberg Stiftung den Erfinder des Buchdrucks nun mit einer exklusiven Artikelserie erneut ins Rampenlicht.
Die Serie beleuchtet nicht nur die technischen Meilensteine – von der beweglichen Letter bis zur Druckerpresse –, sondern schlägt den Bogen direkt in unsere Gegenwart. Wie beeinflusst Gutenbergs Pioniergeist die heutige Medienwelt? Begleiten Sie uns auf einer faszinierenden Spurensuche. Wir untersuchen sein Schaffen und fragen: Wie viel Gutenberg steckt eigentlich in unserem Smartphone?
Ohne die Druckpresse wären Errungenschaften wie die Demokratisierung des Wissens und das Internet nur schwer denkbar. Tauchen Sie ein in eine Geschichte über Mut, Präzision und eine Vision, die die Welt für immer veränderte.
Heute erscheint der fünfte Artikel der Serie, in dem wir uns mit der Gutenberg-Bibel selbst beschäftigen.
Vier Jahre nach der Tüftelarbeit im Straßburger Exil kehrte Johannes Gutenberg um 1448 in seine Geburtsstadt Mainz zurück. Er war nun bereit, sein System der beweglichen Lettern auf die ultimative Probe zu stellen. Das Ziel war nichts Geringeres als die Produktion des damals wichtigsten Buches der Christenheit in einer Qualität, die selbst die prächtigsten handgeschriebenen Kodizes in den Schatten stellen sollte: die 42-zeilige Bibel, kurz B42.
Die Geburtsstätte: Der Hof zum Humbrecht
Im „Hof zum Humbrecht“, in der Nähe des heutigen Gutenberg-Museums in Mainz, richtete er seine Großwerkstatt ein und begann mit seinem Team die Arbeit. Dank der finanziellen Unterstützung des Advokaten Johannes Fust konnte Gutenberg das Projekt in einem großen Maßstab angehen. Seine Werkstatt war ein Vorläufer industrieller Produktion: Mehrere Pressen arbeiteten gleichzeitig, Setzer sortierten tausende Lettern, und Drucker bedienten die schweren Spindeln im Akkord.
Die Ästhetik des Perfekten: Die Illusion der Handschrift
Das Erstaunliche an der B42 ist, dass sie nicht wie ein „gedrucktes“ Buch im modernen Sinne wirken sollte. Gutenbergs Ziel war es stattdessen, die perfekte Handschrift zu imitieren.
- Die Type: Er wählte die „Textura“, eine gotische Schriftart, die weithin für liturgische Texte verwendet wurde.
- Ligaturen und Abkürzungen: Damit der rechte Rand (der Blocksatz) vollkommen bündig war, goss Gutenberg über 290 verschiedene Zeichen. Nach dem Vorbild der Handschriften gehörten dazu Verschmelzungen von Buchstaben (Ligaturen) und unterschiedliche Breiten desselben Buchstabens, um Lücken im Satzspiegel perfekt auszugleichen.
- Der Satzspiegel: Die Proportionen der Textblöcke folgten dem „Goldenen Schnitt“, was dem Auge eine harmonische Ruhe beim Lesen vermittelte.
Eine logistische Herkulesaufgabe
Die Produktion zwischen 1452 und 1455 war eine logistische Meisterleistung, die enorme Ressourcen verschlang:
- Material: Es wurden etwa 180 Exemplare gedruckt, rund 150 davon auf hochwertigem Papier aus Italien und etwa 30 auf kostbarem Pergament (Tierhaut). Für eine einzige Pergamentbibel mussten die Häute von etwa 300 Kälbern verarbeitet werden.
- Personal: Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 20 Mitarbeiter gleichzeitig beschäftigt waren – eine enorme Lohnlast für Gutenberg und Fust.
- Dauer: Der Satz und Druck der insgesamt über 1.200 Seiten dauerte rund drei Jahre. In der gleichen Zeit hätte ein professioneller Klosterschreiber gerade einmal ein einziges Exemplar fertiggestellt.
Wo sind die Schätze heute?
Die B42 war sofort ein Erfolg. Schon auf der Frankfurter Messe 1454 wurden die noch ungebundenen Druckbogen bewundert. Von den ursprünglich ca. 180 Exemplaren existieren heute weltweit nur noch 49 bekannte Exemplare, viele davon nur fragmentarisch.
Die Standorte spiegeln die globale Bedeutung des Werks wider:
(Die Liste ist nach Ländern sortiert. Man unterscheidet dabei meist zwischen Exemplaren auf Pergament und auf Papier.)
Deutschland (12 Exemplare)
Deutschland besitzt die meisten Exemplare, viele davon in einem hervorragenden Zustand:
- Mainz: Gutenberg-Museum (2 Exemplare: 1x Shuckburgh-Bibel auf Papier, 2 Bände, 1x Solms-Laubach-Bibel auf Papier, 2. Band)
- München: Bayerische Staatsbibliothek (2 Bände, Papier)
- Berlin: Staatsbibliothek zu Berlin (2 Bände, Pergament)
- Göttingen: Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek (2 Bände, Pergament)
- Leipzig: Universitätsbibliothek (2 Bände, Pergament – dazu kommen zwei weitere, derzeit in Russland befindliche Exemplare, siehe unten)
- Frankfurt am Main: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg (2 Bände, Papier)
- Aschaffenburg: Hofbibliothek (2 Bände, Papier)
- Fulda: Hochschul- und Landesbibliothek (1 Band, Pergament)
- Stuttgart: Württembergische Landesbibliothek (2 Bände, Papier)
- Trier: Stadtbibliothek (1 Band, Papier)
- Kassel: Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek (1 Band, Papier)
- Schleswig: Schloss Gottorf (1 Band, Papier-Fragment)
Europa
- Vatikanstadt: Biblioteca Apostolica Vaticana (2 Exemplare: 1x Pergament, 1x Papier)
- Großbritannien:
- London: British Library (2 Exemplare: 1x Pergament, 1x Papier)
- London: Lambeth Palace Library (1 Band, Pergament)
- Oxford: Bodleian Library (2 Bände, Papier)
- Cambridge: University Library (2 Bände, Papier)
- Manchester: John Rylands Library (2 Bände, Papier)
- Eton: Eton College Library (2 Bände, Papier)
- Edinburgh: National Library of Scotland (2 Bände, Papier)
- Frankreich:
- Paris: Bibliothèque nationale de France (2 Exemplare: 1x Pergament, 1x Papier)
- Paris: Bibliothèque Mazarine (2 Bände, Papier)
- Saint-Omer: Bibliothèque municipale (1 Band, Papier)
- Österreich: Wien, Österreichische Nationalbibliothek (2 Bände, Papier)
- Schweiz: Cologny, Bibliotheca Bodmeriana (2 Bände, Papier)
- Spanien: Burgos, Biblioteca Pública del Estado (2 Bände, Papier) & Sevilla, Institución Colombina (1 Band, Papier)
- Portugal: Lissabon, Biblioteca Nacional (2 Bände, Papier)
- Belgien: Mons, Bibliothèque de l'Université de Mons-Hainaut (1 Band, Papier)
- Dänemark: Kopenhagen, Det Kongelige Bibliotek (1 Band, Papier)
- Polen: Pelplin, Diözesanmuseum (2 Bände, Papier)
- Russland (Beutekunst aus Leipzig):
- Moskau: Russische Staatsbibliothek (2 Bände, Pergament)
- Moskau: Lomonossow-Universität (2 Bände, Papier)
Nordamerika & Asien
- USA (11 Exemplare):
- New York: Morgan Library & Museum (3 Exemplare: 1x Pergament, 2x Papier)
- New York: New York Public Library (2 Bände, Papier)
- Washington D.C.: Library of Congress (3 Bände, Pergament)
- Cambridge (Mass.): Harvard University (2 Bände, Papier)
- New Haven (Conn.): Yale University (2 Bände, Papier)
- Princeton (N.J.): Princeton University (2 Bände, Papier)
- San Marino (Calif.): Huntington Library (2 Bände, Pergament)
- Austin (Texas): University of Texas (2 Bände, Papier)
- Japan: Tokio, Keio University (1 Band, Papier)
Jedes dieser Bücher ist heute unbezahlbar; bei Auktionen werden sie mit zweistelligen Millionenbeträgen gehandelt. Doch ihr wahrer Wert liegt nicht im Geld, sondern darin, dass sie den Moment markieren, in dem das Wissen der Menschheit begann, für jeden zugänglich zu werden.