„Seit der Sendung haben wir hier richtig zu tun“, sagt Zvijezdana Cordier. Die Geschäftsführerin der Mainzer Gutenberg Stiftung, verantwortlich auch für den Gutenberg-Shop, freut sich über einen unerwarteten Umsatzschub durch die ZDF-Show „Bares für Rares“.
Es war am 9. Oktober in Folge 2470 der populären ZDF-Reihe „Bares für Rares“. Zum Auftakt lief im Hintergrund der Popsong „Love is in the Air“, und als Gastgeber Horst Lichter ins Bild kam, balancierte Experte Detlev Kümmel etwas sehr kleines Rotes auf seinem Zeigefinger. „Oh Gott im Himmel. Oh, nää. Das issen Buch“, sagte Lichter und ahnte da garantiert noch nicht, was seine Sendung mit der Versteigerung dieses Buches auslösen würde. „Das ist ein winziges Buch“, präzisierte er. „Nicht einatmen!“, mahnte Kümmel. „Sonst isset weg“, befürchtete Lichter. Eine junge Frau aus Remscheid hatte das Büchlein mitgebracht, es sei aus dem Erbe der Großmutter, und die habe es vom Großvater bekommen (Lichter: „Ein Romantiker“). Nun wolle sie es verkaufen: „Ja, so 20 Euro wären ganz nett.“
Liebeserklärung in Miniaturformat
Um was ging es? Um das „kleinste Buch der Welt“, von Hand in rotem Leder gebunden, mit den eindrucksvollen Maßen fünf auf fünf Millimeter. Schon in den 1960-er-Jahren wurde das produziert und vertrieben, gedruckt von der Graphischen Buchhandlung Waldmann & Pfitzner in München. Gemeinsam mit dem Mainzer OB Jockel Fuchs hatte der Verleger seinerzeit die Idee entwickelt, das kleinste Buch der Welt zu produzieren und in erster Linie zu Gunsten des Gutenberg-Museums zu verkaufen. In „Bares für Rares“ ging es um das Büchlein, das den Satz „Ich liebe Dich“ in zwölf Sprachen enthält. Ganz passend trägt der rote Einband ein Herz in Goldprägung. Wie die anderen kleinsten Bücher der Welt lag es in einem kleinen Acrylkistchen, das als Lupe und Lesehilfe für die kleinen Seiten fungiert. Außer dem Liebesbekenntnis wurden damals drei weitere Varianten hergestellt, je eine mit dem Schwur der Berliner Freiheitsglocke, mit dem olympischen Eid sowie – ganz exklusiv fürs Gutenberg-Museum – dem Vaterunser, allesamt jeweils in sieben Sprachen.
Zwar ist nicht genau bekannt, wie viele dieser Bücher seinerzeit gedruckt wurden. Fest steht aber die Zahl der Auflagen. Cordier: „Es gibt nur eine.“ Das wusste in der Sendung auch Detlev Kümmel: „Es wird nicht mehr gedruckt, also es ist schon zu Ende damit. Aber man kann es noch kriegen.“ Für 42 Euro bei der Mainzer Gutenberg Stiftung. Aber eigentlich, so der Galerist und Kunstexperte, sei es „viel schöner, so etwas zu erkämpfen, zu finden und dann an seinen oder seine Liebsten zu denken, und dann verschenkt man es eben weiter“. So kam es denn auch in der Sendung.
Versteigerung befördert Nachfrage
Schon das Einstiegsgebot bei der Versteigerung im Händlerraum übertraf mit 40 Euro den vorher von Kümmel geschätzten Verkaufswert von 20 bis 30 Euro. „Das ist natürlich ein schönes Geschenk“, meinte Händler Fabian Kahl, bevor es dann rasch in Zehnerschritten weiter ging und er selbst dann mit 100 Euro eine relevante Marke knackte. „Die Liebe wird hier ganz groß geschrieben“, wunderte sich Mitbieterin Sarah Schreiber angesichts des rasant steigenden Preises. Auch Jan Čížek bot mit und fragte Kahl, warum der so viel ausgeben wolle. Klare Antwort: „Weil mir meine Freundin das wert ist.“ Dieser aus Verhandlungssicht schwere strategische Fehler führte schließlich dazu, dass Kahl 170 Euro bieten musste, um die Liebeserklärung an seine Freundin (Čížek: „Ist die Yvonne dir das wert?“) schließlich zu ersteigern. Im Gutenberg-Shop hätte Kahl für diese Summe gleich vier Exemplare bekommen.
„Ich finde es fantastisch, dass Fabian Kahl so einen hohen Preis geboten hat, und ich freue mich auch sehr, dass Detlev Kümmel uns erwähnt hat“, sagt nun Stiftungsgeschäftsführerin Cordier. Denn nach der Ausstrahlung ging die Anzahl der Bestellungen für das kleinste Buch der Welt im Mainzer Gutenberg-Shop stark in die Höhe. „Wer es nicht ersteigern kann, hat auf jeden Fall die Möglichkeit, es bei uns zu kaufen.“ Für 42 Euro, das Vaterunser sogar für nur 32 Euro.
Faszinierende Druck- und Handwerkskunst
„Das kleinste Buch gehört schon immer zu unseren Umsatzbringern“, sagt Cordier, „aber dadurch, dass wir in der Sendung genannt wurden, hilft es uns nochmal mehr.“ Wie alle anderen Erlöse aus dem Gutenberg-Shop kommen auch diese dem Museum zugute, und so könnte der „Bares-für-Rares-Schub“ auch dazu beitragen, die Delle in der Folge des Umzugs in den Container an den Interimsstandort auszugleichen.
Auch Zvijezdana Cordier weiß nicht genau, wie viele Exemplare damals gedruckt worden sind. Dieses Geheimnis hat der Münchner Verleger Waldmann mit ins Grab genommen. Aber alles, was dieser rund um das Projekt „Kleinstes Buch der Welt“ hinterlassen hat, konnte Cordier für Stiftung und Museum sichern. Dazu gehören auch die Drucktypen mit einer Schenkellänge von dreieinhalb auf dreieinhalb Millimetern, die im Museumsshop ebenfalls verkauft werden. „Das war damals schon eine tolle Idee“, gerät sie ins Schwärmen. Perfekte Druck- und Handwerkskunst, deren Faszination selbst für Kunstexperten wie Fabian Kahl auch heute noch ungebrochen ist – wunderschöne kleine Bücher. Und das Schönste, so Cordier: „Wir haben noch welche!“
Werner Wenzel